Interview mit Pater Benno Friedrich
- "Alle Seiten suchen einfach die Macht"
nbi. Der Augustinerorden unterhält
im Kongo ein Kloster in Kinshasa und mehrere Missionsstationen
im Kriegsgebiet im Nordosten des Landes. Die meisten Augustiner
mussten im Januar 1999 die umkämpfte Region verlassen
und vorläufig nach Europa zurückkehren. Sie waren
in der Seelsorge, in der Ausbildung einheimischer Jugendlicher
und in der Entwicklungsarbeit tätig.
Der deutsche Augustinerpater Benno Friedrich
ist Prior des Augustinerklosters St. Rita in Kinshasa und
dort für die Ausbildung der Studenten an der Hochschule
für Philosophie verantwortlich.
- Pater Benno, hatten Sie mit ihren Mitbrüdern regelmässig
Kontakt?
"Es gab Verbindungen, so dass wir einigermassen
auf dem Laufenden waren, wie es dort aussah. Es ist unseren
Leuten sehr schwer gefallen, weil sie in einer ständigen
Unsicherheit lebten. Zum Beispiel in Poko haben sich die Soldaten
der Regierung auf der Mission eingenistet und von dort aus
ihre Aktionen gestartet. Damit war klar, dass unsere Leute
nicht dort bleiben konnten. Die waren dann wochenlang im Busch
und mussten sich verstecken."
- Weite Gebiete im Nordosten des Kongo befinden sich in
den Händen von Rebellen. Die Truppen von Präsident
Kabila haben sich zurückgezogen. Welche Auswirkungen
hat der Konflikt für die Bevölkerung?
"Nehmen wir zum Beispiel Dungu an der Grenze
zum Sudan. Dort gibt es drei Flüchtlingslager. Als die
Regierungstruppen abgezogen waren, kamen die Sudanesen und
haben alle jungen Leute eingesammelt, um sie zu Soldaten zu
machen. Die Erwachsenen wurden gezwungen wieder in den Sudan
zurückzugehen. Der Ort wurde geplündert und natürlich
auch die Missionsstation. Unsere beiden Patres mussten in
den Busch flüchten.
Bei so einer Gelegenheit lassen sich die Leute
zu Gewalttätigkeiten hinreissen, die sie normalerweise
nicht begehen würden. Zum Beispiel haben wir gehört,
dass die Bevölkerung einen kleinen Trupp von Sudanesen
überfallen und einem Soldaten den Kopf abgehackt hat.
Mit dem abgehackten Kopf sind sie durch die ganze Gegend gezogen,
um Hass gegen die Sudanesen zu verbreiten.
In einer solchen Situation leben zu müssen,
wo man nichts machen kann, das ist das Schlimmste an der ganzen
Sache."
- Sehen Sie eine Lösung für den Konflikt im Kongo?
"Ich rechne nicht damit, dass es zu einer
schnellen Lösung kommt, zumal keine Seite zu wirklichen
Verhandlungen bereit ist. Das grosse Drama besteht darin,
dass es wirklich nicht darum geht, eine Demokratie einzuführen
oder etwas zur Verbesserung der Lebenssituation der Leute
beizutragen.
Alle Seiten suchen einfach die Macht und nichts
anderes. Darunter leiden besonders die armen Leute."
- Die Machtübernahme durch Präsident Kabila im
Mai 1997 nach 32 Jahren Mobutu-Diktatur hat auch Hoffnungen
geweckt.
"Ich erinnere mich noch gut an den Tag,
als die Soldaten in Kinshasa einzogen. Vor unserer Tür
sind sie vorbeigezogen und das ganze Volk voller Begeisterung
hinterher. Sie sind 30 Kilometer in die Stadt hineingezogen
mit diesen Kindersoldaten - Kinshasa ist ja eine grosse Stadt.
Nach zwei Tagen sind die Menschen zurückgekommen
und haben ein Lied gesungen: 'Jetzt ziehen wir zurück,
aber unsere Bäuche sind leer'. Das war für mich
der Anfang der Enttäuschung. Man hat gemeint, von heute
auf morgen kommt eine neue Situation; es geht uns besser,
wir sind befreit. Das ist nicht eingetreten.
Die Leute müssen etwas im Bauch haben.
Das zählt. Und diese Probleme sind nicht gelöst."
- Sie sind vor über 20 Jahren in den Kongo gekommen.
Woran denken Sie, wenn sie einen Blick zurück werfen?
"Als ich in den Kongo gekommen bin, hatte
ich meine Vorstellungen, was man wie machen muss. Je länger
ich hier bin, umso weniger weiss ich, was man eigentlich machen
sollte. Ich verstehe die Leute immer weniger, die Kultur.
Es ist alles viel schwieriger geworden als am Anfang, wo viel
Begeisterung da war für das Neue. Heute überlege
ich drei-, viermal, bevor ich etwas sage."
"Ich glaube, das sind die Erfahrungen,
die man macht. In dieser Zeit hat eine grosse Entwicklung
stattgefunden. Als ich kam, war ich zwei Wochen da, schon
haben mich alle Leute als den "mokonsi"
betrachtet, derjenige, der alles weiss, der die Befehle gibt,
dem man folgt. Das hat mich unglaublich irritiert am Anfang.
Das gibt es heute alles nicht mehr. Wir als
Weisse, als Missionare, sind in den Hintergrund getreten.
Das würde ich als Fazit sagen und noch dazu, dass das
positiv ist."
Das Interview führte Dr.
Norbert Bischofsberger |